Said Semlal: Interview mit einem Beduinen

Sahara! Wüste! Freiheit! Früher war jeder zweite Marokkaner Beduine. Heute sind es nur noch zwei Prozent. Wir haben Said Semlal besucht. Er ist 35 Jahre alt, Beduine und Kameltreiber in der Sahara an der algerischen Grenze.  Said ist mit den Kamelen großgeworden, besuchte die Schule nur sieben Jahre und wurde schon in jungen Jahren „Camelman“. Die Kameltouren finden hauptsächlich im Winter statt, denn zu dieser Zeit sind die Temperaturen angenehm zwischen 20 und 22 Grad.

Said, wie kommt es, dass Du Kameltreiber beziehungsweise „Camelman“, wie Ihr Euch nennt, geworden bist?

Wir machen das schon seit vielen Generationen. Wir sind Beduinen und unser Stamm hat 15 Mitglieder. Außerdem haben wir 21 Kamele. Im Winter, wenn die Temperaturen angenehm sind, bieten wir für Touristen Kameltouren durch die Sahara an.

Wovon lebt ein Kameltreiber?

Wir leben vom Tourismus und von den Kamelen.

Von den Kamelen?

Ja, wir produzieren auch Kamelhaarteppiche. Einmal im Jahr werden die Kamele geschoren und daraus stellen wir Teppiche her. Allerdings verkaufen wir auch neben der Teppiche Kleidung. In der Medina (Altstadt) von Essaouira haben wir einen größeren Laden – ein ehemaliges Café – und dort verkaufen wir unsere Waren.

Und dann leben wir ja, wie gesagt, von den Kameltouren. Es gibt verschiedene Touren – kurze und längere Touren –  die wir anbieten. Und ich kann versprechen, es ist ein großartiges Erlebnis für jeden, der diese Touren macht. Die Tore der Sahara in Ouarzazate zu entdecken, mit den Kamelen über die Dünen von Erg Chebbi zu reiten, im Beduinencamp zu nächtigen und marokkanisches Abendessen unter einem unglaublichen Sternenhimmel zu genießen – es gibt kaum Schöneres…

Wie lebt man in der Wüste?

In der Wüste ist es sehr einsam. Und ich liebe diese Einsamkeit, diese Ruhe und diese unglaubliche Freiheit. Dafür muss man geschaffen sein und ich bin dafür geschaffen. Wir haben uns auf dieses Leben eingerichtet. Wir gehen in größeren Abständen nach Merzouga (Anm. v. d. Redaktion: Das ist ein kleiner Wüstenort mit etwa 500 Einwohnern in der Provinz Errachidia im Südosten Marokkos) einkaufen und ziehen dann umher. Meine Mutter – sie ist 80 Jahre alt – kocht für uns alle. Es kann sich kein Mensch vorstellen, wie erholsam die Wüste ist. Hier kommen immer wieder Menschen her, die die Ruhe suchen. Aber auch Rheumakranken schwören auf die Heilkraft des Sandes.

Heilkraft des Sandes?

Ja, sie werden pro Tag zirka 10 bis 15 Minuten mit heißem Sand bedeckt. Und das an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Es soll helfen, die Schmerzen zu lindern. Außerdem trinken sie nur heiße Getränke. Die Resonanz der Menschen ist unglaublich. Es hilft tatsächlich.

Aber es gibt auch größere Events, die in der Wüste stattfinden.

Das stimmt. Es findet beispielsweise einmal im Jahr ein Kamelrennen statt. Im Dezember. Das ist immer ein großes Event. Und hinterher gibt es ein großes Abendessen und ein schönes Fest.

Zurück zu den Kamelen. Haben Eure Kamele Namen? Wie ist das Verhältnis zu diesen Tieren, die Euch ja immer begleiten?

(Lacht) Nein, unsere Kamele haben keine Namen. Sie haben Nummern. Kamele werden zirka 15 Jahre alt. Und ja, das Verhältnis ist eng, da sie immer bei uns sind. Ich weiß, wann ein Kamel verärgert ist, lange bevor es ein normaler Mensch, der nicht mit Kamelen aufgewachsen ist, bemerkt.

Wir feiern zum Beispiel Weihnachten. Was feiert Ihr?

Wir feiern Ramadan. Ramadan wird einen Monat lang zelebriert. Übersetzt heißt Ramadan „Heißer Monat“ und ist für uns Muslime der Fastenmonat. In diesem Jahr fand Ramadan von 23. Mai bis 24. Juni statt. Das heißt von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang darf nicht gegessen, getrunken oder geraucht werden.

Aber ist es in der Sahara nicht noch schwieriger, Ramadan einzuhalten, als in der Stadt? Dort ist es ja noch heißer und wenn man da tagsüber nicht trinken darf…

Das ist richtig. In der Sahara ist es heißer, aber wir Beduinen sind das gewohnt. Wir halten uns dann in Schattenplätzen auf.

Gibt es noch ein weiteres Fest?

Das höchste islamische Fest ist das Opferfest. Es wird zum Höhepunkt des Haddsch gefeiert, der Wallfahrt nach Mekka, und findet im September statt. Wir schlachten dann immer ein Schaf.

Zurück zur Sahara. Gibt es eine Oase, wo Ihr Euch oft aufhaltet?

Die Oase heißt Tisardmin.

Wo sonst bekommt Ihr das Wasser für die Kameltour her?

Wir haben Wasser in der Sahara gefunden. Und von diesem Brunnen holen wir immer wieder frisches Wasser, um zu kochen, sich zu waschen und zu trinken. Aber wir gehen auch nach Erfoud (Anm. d. Redaktion: eine Stadt am Rande der Sahara im Osten Marokkos) um das Hammam zu besuchen, uns zu duschen oder Wasser einzukaufen.

Wie sieht es mit dem Familienleben aus? Bist Du verheiratet?

Nein, ich bin nicht verheiratet. Ich bin mit zehn Brüdern und zwei Schwestern aufgewachsen. Und dennoch habe ich keine Familie. Meine beiden Schwestern sind verheiratet und einige meiner Brüder ebenfalls. Wenn man jedoch dieses Leben führt, ist es schwierig, ein Familienleben zu haben. Ich bin sehr freiheitsliebend – das hat mein Leben als Beduine und Kameltreiber mit sich gebracht. Darum werde ich, wie es aussieht, keine Familie gründen. Aber wer weiß…?

Adresse:

Sahara Kamelreiten
Said Semlal
Rue el Hamri Nr. 12
Erfoud
Erracgidia
Marokko
Tel: +212 (0)629 004414
Webseite: www.moroccodays.es

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