Die Medina von Fès: Von Brokaten, Kaftanen und Minzstängeln

Fès. 46 Grad im Schatten. Vor unserem Riad treffen wir Khalid, der uns seine Stadt zeigen möchte. Mit ihm schlendern wir durch die Medina (Altstadt) Marokkos ältester Königsstadt, die im 8. Jahrhundert von arabischen Eroberern gegründet wurde. Die Gassen sind eng – in manchen Teilen nur einen halben Meter breit – und es riecht nach süßem Zuckergebäck, staubigen Wegen, gemahlenen Gewürzen, gegerbtem Leder, feinem Minztee und frisch gekochtem Tajine. Die Händler haben sich in den Souks (Basaren) nach Gewerben sortiert angesiedelt und preisen ihre Waren an. Immer wieder werden wir angesprochen. „You English?“, „Parlez vous français?“, „Allemand?“. Ein einziger Blick auf eine Tasche, ein Kleid oder ein Schmuckstück genügt, und sie eilen herbei, um uns von der guten Qualität und dem günstigen Preis ihrer Ware zu überzeugen. Handeln ist in Marokko ein Muss. Nur wer wirklich handelt verdient den Respekt der Marokkaner. Im Grunde ist es ganz einfach: der Händler gibt seinen Preis, wir ziehen zirka zwei Drittel ab – das ist unser geforderter Eingangspreis – und treffen uns dann in der Mitte.  Die verwinkelten Gassen sind unübersichtlich und wir verlieren uns bald im Labyrinth von Fès. Alles wirkt wie im Mittelalter. Tore, Türen und Fensterläden der Häuser sind aus Holz. Die Mauern zeigen Risse und haben jahrzehntelang keine Farbe mehr gesehen. „Das unterirdische Kanalsystem stammt aus dem 12. Jahrhundert“, erklärt Khalid. Und dass „Fés“ eigentlich „Hacke“ bedeutet und wohl auf den Fund oder die Benutzung dieses Gerätes hindeute. „Und warum sind die Gassen so eng?“, wollen wir wissen. „Damit schützen sich die Häuser vor der Hitze“, lautet seine Antwort. Es stimmt. Hier in den schmalen Gängen der Altstadt ist es bei weitem nicht so heiß, wie in den größeren Straßen. Und die alten, dicken Gemäuer tun ihr übriges, um in den heißesten Monaten des Jahres ihre Einwohner, die „Fassi“, wie sie liebevoll genannt werden, zu schützen. Wir kommen an der 1. Islamischen Universität der Welt vorbei. Al-Qarawīyīn heißt sie und wurde 859 gegründet. Dort treffen wir zufällig Hadj Abdelkader el Ouazzani. Er ist 74 Jahre alt und der letzte Brokatwebemeister Marokkos.

Wir begleiten ihn in seine kleine Werkstatt, die sich im alten Stadtteil el Bali befindet. Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Uralte Webmaschinen, teilweise schon verwittert, und weiteres Mobiliar wie Tische und Hocker, bezeugen, dass hier jahrzehntelang hart gearbeitet wurde. Es ist staubig und an der Decke wie auch am Fenster, das nur wenig Licht spendet, hängen Spinnweben. Zwei weitere kleine Lampen erhellen die Werkstatt ebenfalls nur wenig mehr. Hadj Abdelkader zeigt uns seine wertvollen Brokatstoffe, die vorwiegend für Kaftane und als Bezug für Wohnzimmermöbel dienen. Bilder, die ihn mit Berühmtheiten zeigen, hängen an der Wand. Auch König Mohammed VI. ist dort gemeinsam mit ihm abgebildet. Nach ihm werde das Kunsthandwerk des Brokatwebens aussterben, erklärt er uns. Keiner wolle heutzutage mehr diese Arbeit machen. Selbst sein Sohn nicht. Das mache ihn traurig. Auch unsere Stimmung ist etwas getrübt, denn wir wissen, dass damit ein über hundert Jahre währendes Familiengewerbe zu Ende geht und ein Kunsthandwerk ausstirbt.  Wir ziehen weiter und kommen zu einer Weberei. Stoffe sind in Marokko ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. In dieser Weberei, die mit einem Verkaufsraum zusammengelegt ist, sitzen Männer an ihren Webmaschinen, treten die Holzpedale und arbeiten mit ihren geschickten Fingern – gleich einem Klaviervirtuosen – mit vielen tausenden Fäden, um orientalische Stoffe für Bekleidung, Teppiche, Decken und Sofas herzustellen. Wir bekommen den Unterschied zwischen Kaftan und Djebella erklärt: So ist der Kaftan nur für Frauen und wird vorwiegend zu festlichen Anlässen wie Hochzeiten und Verlobungsfeiern getragen. Das traditionelle, knöchellange Übergewand mit Kaputze, die Djellaba, dagegen wird sowohl von Männern als auch Frauen getragen. Im Sommer kleiden sich die Marokkaner mit Baumwoll-Djellabas, im Winter mit Woll-Djellabas. Die Farben werden auf natürlicher Basis hergestellt. So kommt die rote Farbe vom Klatschmohn, die gelbe vom Safran und die orange vom Hennastrauch.

 

Khalid drängt uns, weiterzugehen, da er einen Termin in einem Lederwarengeschäft bei der Gerberei ausgemacht hat. Wir machen uns auf den Weg zu den Chouara Gerbereien. Der stinkende Geruch der Färberbottiche empfängt uns bereits einige hundert Meter zuvor. Dort angekommen werden wir von einem Ladenbesitzer erwartet, der uns freundlich mit „Salem alaikum“ begrüßt und bereits am Eingang zwei Minzstängel reicht, um den unangenehmen Geruch etwas zu mildern.  Wir nehmen diese dankend an und werden über viele schmale Stufen ins oberste Stockwerk geführt, wo wir einen Blick auf die vielen großen Bottiche werfen können. Während wir an unseren Minzzweigen schnuppern, erklärt uns der Ladenbesitzer, wie das Gerben vor sich geht. So erfahren wir, dass  die Laugenbottiche der Gerberei zirka einen Meter tief sind und die Arbeiter dort sämtliche Felle in Taubenkot und Kalk gerben, damit sie weich und geschmeidig werden und beim späteren Verkauf höhere Preise erzielen. Hierfür walken und bearbeiteten sie die Stücke barfuß und nur mit kurzen Hosen bekleidet in der stinkenden Brühe.

Auch die Farben in der Gerberei werden auf natürlicher Basis hergestellt: aus Leitungswasser und beispielsweise Safran, Indigo oder Mohn. Um sich vor der Farbe zu schützen, haben die Färber ein einfaches Mittel: sie reiben sich vor Arbeitsbeginn mit Olivenöl ein.

Ehe wir uns auf den Heimweg machen, sehen wir uns in dem Laden um, in dem über die Stockwerke verteilt viele bunte Taschen, Jacken, Schuhe und Kissen ausgestellt sind. Dann betreten wir wieder die Straße. Den Minzzweig halten wir uns weiterhin unter die Nase, denn der Geruch verfolgt uns noch durch einige Gassen, Unterführungen und Tunnels. Khalid führt uns anschließend durch das Labyrinth Fès, das, wie er erklärt, 11.000 kleine Gassen zählt, zurück in unser Riad Zitouna, das ebenfalls inmitten der Medina liegt. Ein Riad ist ein traditionelles marokkanisches Haus mit einem Innenhof beziehungsweise einem inneren Garten. Dort haben wir die Möglichkeit, im hauseigenen Pool ein Bad zu nehmen und von der Dachterrasse noch einmal unseren Blick über das abendliche Fès schweifen zu lassen, ehe wir uns wieder auf den Weg machen, um ein Abendessen in einem der vielen kleinen Restaurants in der Nähe zu nehmen.

 

Adressen:

Unterkunft:
Riad Zitouna, 5 Derb Rami Zkak Labghal, Fez El Bali, 30110 Fès, Marokko
Telefon: +212535633002

Gerberei Chouara Tannery

Blida Street, Fez Medina, Fès 30070, Marokko
Telefon: +212 (0) 664-992099

 

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