Hadj Abdelkader el Ouazzani: Der letzte Meister der Brokatkunst

Besuch in der Altstadt von Fès

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Eine schmale Gasse inmitten der Medina, der Altstadt, von Fès. Eine kleine Werkstatt. Unauffällig. Leicht zu übersehen. Kaum jemand würde vermuten, dass hinter der schweren braunen Tür der letzte Meister einem aussterbenden Handwerk nachgeht, dem Handwerk des Brokatwebens. Hadj Abdelkader el Ouazzani heißt der Künstler.

Ursprünglich wurde die Kunst des Brokatwebens von den Andalusiern nach Marokko eingeführt, um die 30 Zentimeter breiten Gürtel der Kaftane zu verschönern. Erst viel später wurde der Brokat auch für den Kaftan selbst verwendet. Und für Möbelstoffe, um die marokkanischen Wohnzimmer zu dekorieren.

Hadj Abdelkader ist 74 Jahre alt und der letzte Brokatwebemeister Marokkos. Noch immer übt er Tag für Tag diese seltene Handwerkskunst  aus, indem er eine der vier Handwebemaschinen bedient, die alten Holzpedale tritt und die golden und silbern glänzenden Brokatstoffe webt. Über hundert Jahre gibt es dieses Geschäft schon und er blickt stolz auf die lange Geschichte seiner Familie zurück, die mit ihm, dem Letzten seines Standes, nun ein Ende findet. „Nein“, meint er, „mein Sohn wird das Geschäft nicht mehr übernehmen.“ Er wirkt ein wenig traurig darüber. Doch dann, wenn er wieder beginnt, von seinem Handwerk zu erzählen, leuchten seine Augen.

Er führt uns durch sein „Atelier“. Es wirkt geheimnisvoll, als ob die Zeit stehen geblieben ist, etwas staubig, fast ein wenig melancholisch. Die Lampen spenden nur wenig Licht. Die alten Jacquard-Webemaschinen sehen verwittert aus und bezeugen, dass hier viele Jahrzehnte hart gearbeitet wurde. An der Decke und am Fenster hängen Spinnweben. Nichts Modernes, nur altes Werkzeug, alte Geräte. Hadj Abdelkader setzt sich an eine der Webmaschinen und beginnt die Pedale zu treten. Wie ein Klavier bedient er die Holzstäbe. Und er erzählt. Dass man für diesen Beruf Ausdauer und viel Geduld braucht, die die jungen Leute heute nicht mehr haben. Und dass er, um 80 Zentimeter bis einen Meter Brokat herzustellen, einen ganzen Arbeitstag benötigt. Für das marokkanische Traditionsgewand, einen Kaftan, benötigt er mindestens eine Woche. Und um Möbelstoffe für ein Wohnzimmer zu produzieren, braucht er sogar 2 Monate. „Heute möchten die jungen Menschen Berufe ausüben, bei denen man nicht so exakt und auch nicht so lange arbeiten muss, für die man aber mehr Geld bekommt“, meint er. „Und das Brokatweben ist ein Handwerk, das sehr viel Aufmerksamkeit, Ausdauer und Anstrengung erfordert. Ja, und man verdient nicht sehr gut dabei.“ Für ihn ist das Brokatweben eine Leidenschaft, der er mittlerweile fast 60 Jahre nachgeht. Und immer noch gibt es begeisterte Kunden, die aus der ganzen Welt anreisen, um seine einzigartigen Brokatstoffe zu erwerben. Das macht ihn stolz. Er steht auf und geht an einen kleinen Schrank, den er öffnet. Dann holt er glänzende Stoffrollen heraus, die er vorsichtig ausrollt. Edel sehen sie aus. Mit prächtigen Designs, die nur erahnen lassen, wie viel Arbeit dahintersteckt.

Er deutet auf Bilder, die an der Wand hängen. Sie zeigen ihn mit Berühmtheiten, die seine Brokatstoffe tragen. Auch König Mohammed VI. ist dort gemeinsam mit ihm abgebildet. Und wenn er diese Bilder betrachtet, ist er glücklich und stolz.

Ein Junge blickt durch das Fenster und ruft Hadj Abdelkader etwas zu. Er verscheucht ihn lachend. Denn wie immer ist bei den Handwerkern in der Medina die Atmosphäre heiter. Hier heißt es: Hauptsache gut gemacht. Doch trotz der guten Arbeit und der allgemeinen Anerkennung sind die Zeiten hart und von der Kunst zu leben ist heutzutage schwierig, beinahe brotlos. Die Zukunft sei ungewiss, erklärt er. Was morgen passieren wird? Wird dieses Kunsthandwerk im Museum landen? Oder wird es ganz verschwinden? Er weiß es nicht…


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